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Authentische Regionen, starke Schweiz

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Liebe Gommerinnen, Liebe Gommer, Liebe Gäste

Ich bin mit grosser Freude heute ins Goms gekommen, hierhin nach Niederwald und ich bedanke mich herzlich für die Einladung. Als Präsident des Netzwerks Schweizer Pärke aber noch viel mehr als Einwohner und Gemeindepräsident einer kleinen Gemeinde im Naturpark Thal freut es mich extrem, dass ich heute im Landschaftspark Binntal, zu dem die einstigen Gemeinden Niederwald und Blitzingen ja gehören, zu Ihnen sprechen darf. Ich hoffe, mein Solothurner Dialekt, der einen ausgesprochenen Hang dazu hat, Konsonanten zu verschlucken, wird dem Verständnis der Rede hier im Gebiet des wunderschönen Höchstallemannischen nicht abträglich sein.

Das Thal und das Goms liegen in völlig unterschiedlichen Landesteilen – und teilen doch in weiten Teilen ähnliche Schicksale. Innerhalb des Kantons peripher gelegen, mit wunderschöner Natur gesegnet, dafür über die Jahrhunderte geprägt durch die doch eher kargen Verhältnisse – zumindest im Vergleich zur Nachbarschaft. Und im Vergleich zu dieser Nachbarschaft blieb man denn auch bis in die jetzige Zeit wirtschaftlich im Nachteil. Im Thal hat man mitunter den Eindruck, rings herum boome es, während man das Thal schlicht links liegen lässt. Man stelle sich vor: Das Thal ist eine der Regionen mit den niedrigsten Immobilienpreisen und den tiefsten Einkommen in der Schweiz – und das im Dreieck Zürich-Basel-Bern. Ein Entwicklungsland mitten in Boomtown Switzerland. Ich weiss nicht, wie die Befindlichkeiten im Goms sind. Ich kann mir aber vorstellen, dass angesichts der touristischen Höhenflüge, welche einige Walliser Destinationen immer und immer wieder machen durften, oder angesichts der rasanten industriellen Entwicklung in der Agglo Brig-Visp, doch auch der eine oder andere neidvolle Blick von hier, von ganz oben im Wallis, Rotten-abwärts ging.

So schmerzhaft der Vergleich mit den boomenden Regionen manchmal sein mag, so tief zufrieden sind wir dann, wenn wir Gommerinnen und Gommer, Thalerinnen und Thaler am heutigen Nationalfeiertag auf unser Land schauen. Welche Nation erblicken wir nämlich? Es ist ganz allgemein eine glückliche Nation, wohlgemerkt. In den World Happiness Reports belegen wir zusammen mit den Skandinavischen Ländern chronisch einen der vordersten Plätze. Aber ist es nicht auch ein Land, das getrieben durch eine schiefe Demografie, durch Digitalisierung und Globalisierung allmählich veranonymisiert? Ist es nicht so, dass das Wachstum, welches vielerorts eben sehr stark ist, auch das Ursprüngliche, den Charakter unseres Landes überdeckt? Und ist es nicht so, dass wir in unseren Regionen mitunter auch eben genau den Vorteil haben, dass diese Regionen noch ein Stückchen besser erhalten geblieben sind? Die Anderen mögen uns als rückständig betrachten. Wir selber trauern oft den nicht mitgemachten Entwicklungsschritten nach. Vielmehr sollten wir uns aber über Eines freuen: Dass wir eben nicht rückständig, sondern authentisch geblieben sind.

Ich kenne nicht viele Fünfsternhotels dieser Welt. Aber eines meine ich zu wissen: Es ist nicht mehr wie zu Cäsar Ritz‘ Zeiten. Es gibt kaum mehr unverwechselbare Fünfsternehotels. Sie sehen heute auf der ganzen Welt gleich aus. Ob man in Singapur, New York oder Zermatt im Fünfsternhotel übernachtet, merkt man eigentlich neben der Aussicht vom Zimmer aus höchstens am unterschiedlichen Keks, der auf dem Kopfkissen liegt. Und ob man in Zürich, in Dietlikon oder in Bümpliz eine Loft-Wohnung bezieht, spielt eigentlich auch keine Rolle. Die Grundlage des Reisens wie auch des Wohnens und Lebens in den entwickelten Regionen ist nicht authentisch. Es ist häufig identitätsloser Einheitsbrei – bei uns nicht.

Damit sind wir bei einem Spagat, den unsere Regionen, prinzipiell alle Berg- und Randregionen und insbesondere die Pärke machen müssen: Wir haben ein Recht auf Entwicklung. Wir haben dasselbe Recht auf Wohlstand, gute Infrastruktur, gute Verkehrsverbindungen, guten Service Public wie die Boomregionen im Mittelland – das muss man im Parlament immer wieder betonen. Wir tun gleichzeitig aber gut daran, trotz Wohlstand und Entwicklung unsere Eigenarten nicht zu verlieren. Ein Spagat.

Die Eigenarten sind mitunter auch gar nicht so speziell wie man meinen könnte. Sie sind nichts anderes als die Aussage: „Liebe Leute, das Fünfsternhotel, das auf der ganzen Welt gleich aussieht, das ist nicht die Welt! Das ist nicht das Leben!“ Ich habe Ende letzte Woche in meiner Hostett aufgeräumt. Ein alter Gravensteiner-Baum meinte, er könne trotz morschem Stamm und krummem Wuchs immer noch Äpfel produzieren wie in seinen besten Jahren und so ist er dann halt umgekippt. Ich habe also diesen Baum aus der Hostett weggeräumt. Ich brauchte sehr lange dafür. Nicht wegen der Hitze, nicht weil der Bürogummi so schlecht trainiert ist und auch nicht, weil so viele Äpfel am Boden lagen. Sondern deshalb, weil alle 10 Minuten jemand von der Strasse aus zuwinkte und einen Schwatz wollte. Man geht aufeinander zu, man kennt sich, man teilt seine Sorgen und seine Freuden. Man ist geborgen. Das ist dörfliche Qualität. Das ist Lebensqualität. Das ist der ursprüngliche, der authentische, der natürlich Gegenentwurf zur veranonymisierten Schweiz. Der Gegenentwurf zum stummen Hotelgang im Fünfsternhotel. Das ist das Leben!

Niemals sollten wir diesen Gegenentwurf aufgeben, so sehr wir auch auf unser Recht pochen sollen, dass wir uns weiterentwickeln. Die Schweizer Pärke bauen darauf ihre Strategie auf. Das Ziel der Schweizer Pärke ist es – so haben wir es in der Strategie definiert – „Gebiete von grosser natürlicher und kultureller Qualität zu erhalten, aufzuwerten und zu entwickeln und Mehrwerte für Natur, Gesellschaft und Wirtschaft zu schaffen.“ Für mich gibt es keine Zweifel, dass dieser Ansatz für Regionen wie das Thal, das Binntal und das Goms die richtige Strategie ist.

Und es ist mehr, in der heutigen Zeit. Und es muss auch mehr sein. Es ist eben ein Gegenentwurf zu veranonymisierten Schweiz, der auch gesehen werden soll. Unsere Qualitäten sollen ausstrahlen. Im Mai/Juni kaufe ich immer Grünspargeln bei einem Produzenten bei uns im Thal. In der Regel hat er an Fronleichnam die letzten Spargeln. Zu einer Zeit, zu welcher die im Februar aus dem Süden eingeflogenen Spargeln längst vergessen sind, geniessen wir die weltweit besten Spargeln. Am liebsten würde ich den Spargelproduzenten jeweils filmen, wie er über das Feld läuft und schier mit seinen Spargeln spricht und ihnen Anweisung gibt, wann sie doch den Kopf aus dem Boden strecken sollen und wann sie besser wegen der zu erwartenden Frostnacht doch noch unter der Erde bleiben sollen. Und ich würde gerne seine Worte im Radio hören, wie er mir beim Kauf sagt: „Aber schneide mir bloss nichts ab davon, sie sind zart bis ganz unten!“ Das ist Liebe zum Lebensmittel, das ist tiefe Verwurzelung mit der Scholle. Es ist der Gegenentwurf zum Einkauf von Marokkanischen Spargeln im Februar, von denen man dann die Hälfte wegschmeisst, nachdem man eine Fertig-Sauce-Hollandaise darübergekleistert hat. Genauso wie der Kräutertee aus dem Binntal, den ich neulich gegen höllisches Halsweh genommen habe der Gegenentwurf ist zum Gang zum Apotheker, der einem dann eine Mammutschachtel Phamaprodukte nachwirft. Angenehmer und schneller wurde ich noch nie eine Erkältung los!

Bauen wir auf auf diesen Qualitäten und tragen wir sie hinaus. Auf unseren einfachen, menschlichen Qualitäten. So wie César Ritz es seinerzeit tat, so wie hier in Niederwald derzeit das Lustspiel zu seinem 100. Todestag aufgeführt wird. Wir, die Rand- und Bergregionen, wir haben der Schweiz nicht nur Forderungen zu stellen. Wir haben ihr freundeidgenössisch noch viel mehr zu bieten. Nicht ein romantisch verklärtes Heidi-Bild, sondern ganz viel Wissen, welches zuweilen verloren ging.

Tun müssen wir nicht so viel dafür. Wir müssen vor allem uns selber bleiben. Wir müssen aufhören, dem nicht stattgefundenen Wachstum nachzutrauern und stattdessen selbstbewusst unsere Qualitäten nach Aussen kehren. Und wir müssen unsere Gemeinschaft pflegen, auf dass sie eben eine Gemeinschaft bleibe. Das rufe ich natürlich vor allem den Jungbürgern zu, die jetzt dann gleich ihre Jungbürgerbriefe erhalten. Egal ob Mann oder Frau, ob gelb oder schwarz: Nehmt eure Verantwortung wahr, tragt diese Gemeinschaft mit, bringt euch ein. Ihr habt ein wertvolles Gut zu bewahren.

Wenn ich so auf die Gemeinde Goms blicke, dann habe ich nicht Angst, dass man nicht selbstbewusst genug wäre, um die Schritte in die Zukunft zu machen. Landschaftspark, Gemeindefusion, Kita, Jugendarbeit – das sind alles Indizien, dass man alles andere als hinterwäldlerisch unterwegs ist. Man hat also die Voraussetzungen geschaffen, die nächsten Schritte in die Zukunft zu machen. Die technische Entwicklung wird Vieles ermöglichen, schliesslich ist Wissen heute jederzeit und überall verfügbar, die Kommunikation grenzenlos und schnell und die räumliche Abhängigkeit von Arbeitsplätzen ist weitaus geringer als sie das noch vor wenigen Jahren war. Die Potentiale unserer authentischen Regionen – auch und gerade als Wirtschaftsstandorte – sind also riesig. Jetzt müssen Politik und Wirtschaft sie erkennen und wir Regionen müssen sie ihnen aufdrängen. Liebe Jungbürger, auch das wird euer Job sein!

Authentische Regionen, die sich selbstbewusst der Schweiz zeigen. Gebiete wie der Landschaftspark Binntal, wie die Gemeinde Goms, die ihre Eigenart nicht nur bewahren, sondern auch weiterentwickeln. Das ist ein Erfolgsfaktor für unser Land. Bleiben wir dran und liefern wir unseren Beitrag an die einzigartige Erfolgsgeschichte, die unser Land ist, ganz nach dem Motto: Authentische Regionen, starke Schweiz. In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Goms, ein Hoch auf die Schweiz!

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

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