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Ein neuer Charakter in der Schweizer Pärkefamilie

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Liebe Schaffhauserinnen, liebe Schaffhauser

Als Präsident des Netzwerks Schweizer Pärke freue ich mich natürlich sehr, heute bei Ihnen zu sein. Das Netzwerk Schweizer Pärke ist die Dachorganisation der 15 Regionalen Naturpärke von Nationaler Bedeutung, des Wildnisparks Zürich Sihlwald als einziger Naturerlebnispark in Betrieb, des Schweizer Nationalparks und aller Projekte, welche sich noch in der Aufbauphase befinden. 15 Regionale Naturpärke, 1 Naturerlebnispark und der Schweizerische Nationalpark bilden also die Schweizer Pärkelandschaft und den Kern des Netzwerks Schweizer Pärke – bis heute. Gleich wird ein weiterer Naturpark dazu kommen.

Der Präsident des Netzwerks Schweizer Pärke hat aktuell also so etwas wie 17 Kinder. Und jedes dieser Kinder hat seinen eigenen Charakter, seine Stärken, auch wenige Schwächen, seine Potentiale und seine Chancen. Da gibt es den vorwitzigen Chasseral, der nicht nur weit über das Mittelland hinausblickt, sondern auch weit über die Grenzen hinaus zu verstehen gibt, dass er im Jura der höchste sei. Da gibt es unser Sonnenkind im Wallis, den Naturpark Pfyn-Finges, der fast alles kennt, was es gibt – vor allem tausende von Arten, die im Pfynwald leben. Nur eines kennt unser Sonnenkind kaum: den Regen. Es gibt die Bündner Pärke Ela und Beverin, die wie zwei weise Brüder aus den Bergen die Schweiz lehren, wie unsere Alpen aussehen, wenn sie nicht vom Massentourismus überrannt werden. Natürlich gibt es auch meine Heimat, das Thal, ein sehr schüchternes Kind, das sich fast ein bisschen versteckt im Solothurner Jura. Und so weiter und so fort. 17 Pärke, 17 Charaktere, ein Abbild unseres vielfältigen Landes.

Und nun kommt noch ein weiteres Kind hinzu: Der Regionale Naturpark Schaffhausen. Wobei die Schaffhauser Parkverantwortlichen natürlich nicht erst jetzt zu unserer Dachorganisation stossen. Schon während der Errichtungsphase des Parks war der Naturpark Schaffhausen ein engagiertes und innovatives Mitglied. Trotzdem würde ich natürlich übertreiben, wenn ich behaupten würde, ich hätte aufgrund dieser Zusammenarbeit schon die Schaffhauser Volksseele kennenlernen können. Und doch hat man aufgrund der Entstehungsgeschichte des Parks doch schon ablesen können, welch‘ ein Charakter da auf uns zukommt. Eines ist mal klar: Kompliziert ist dieser Park nur auf der Landkarte, aber sicher nicht in der Art und Weise, wie er mit den Menschen umgeht und wie die Menschen im Park miteinander umgehen. Direkt seien sie ja, die Schaffhauser. So direkt und mitunter laut, dass sie der Restschweiz zuweilen als Polderis vorkommen. Das Faszinierende daran ist dann aber die Tatsache, dass die Schaffhauserinnen und Schaffhauser dadurch nicht unsympathisch wirken, sondern dass ganz im Gegenteil die direkt ausgesprochene Kritik Abnehmer findet. Wenn ein Zürcher Kritik übt und dies noch möglichst vorsichtig verpackt in Worte wie „Man sollte das einfach anders handhaben“, dann wirkt das für alle Nicht-Zürcher himmelschreiend arrogant. Wenn der Schaffhauser denselben Umstand kritisiert und im Stile des verstorbenen Mathias Gnädinger sagt „Das ist einfach ein huren Scheissdreick“, dann wirkt das sympathisch.

Ich musste übrigens Schmunzeln wegen der Schaffhauser Direktheit, als ich mich auf den heutigen Tag vorbereitet habe. Da las ich doch tatsächlich von einer Skulptur der „Schönen von Bibern“, die es hier haben soll. Und ganz Mann stellte ich mir also vor, was für eine schöne Frau man da wohl mit einer Statue gedenkt habe und welch‘ romantische oder sagenhafte Geschichte da wohl dahinter stecken möge. Ich habe mir dann natürlich an die lange Stirn gefasst als ich gemerkt habe, dass die „Schöne von Bibern“ ja gar keine Frau ist, sondern eine Zwetschgensorte und dass die Skulptur tatsächlich auch eine Zwetschge darstellt. Dann musste ich aber eben schmunzeln und dachte für mich: „Ja gut, im übertragenen Sinne ist ja manch‘ schöne Frau auch eine Zwetschge.“ Wobei in Schaffhausen das eben wiederum nicht im übertragenen Sinne gemeint ist, sondern ganz direkt so stimmt: Die „Schöne von Bibern“ ist eine Zwetschge. Punkt.

Die Direktheit der Schaffhauser widerspiegelt sich heute im Perimeter des Parks. Andernorts wird lange, lange geredet und geplant, bis dann ein Parkgebiet steht, zu dem einzelne Gemeinden dann halt einfach beitreten, weil man die anderen Gemeinden nicht vor den Kopf stossen will. Solche Überlegungen gibt es in Schaffhausen nicht. Da sagt man halt einfach direkt nein, wenn es einem nicht passt. Und das haben dann halt ein paar Gemeinden gemacht.

Dass der Naturpark Schaffhausen jetzt viel Grenzen hat, dürfte kein Problem sein – mit Grenzen hat man in Schaffhausen ja Erfahrung, und auch ich als Solothurner kann sagen: Wir leben gut mit viel Haag und wenig Garten, mit wenig Speck und viel Schwarte. Entstanden ist aber freilich auch viel mehr als nur ein neuer, charakteristischer grüner Fleck auf der Landkarte. Entstanden ist ein Regionaler Naturpark von Nationaler Bedeutung mit enormem Potential. Der Naturpark Schaffhausen bringt viel ein, was der Pärkefamilie noch fehlt oder stark untervertreten ist: mit dem Rhein den grossen Strom, der unser Land mit der Welt verbindet. Mit dem Schaffhauser Wein wird die bereits bestehende Palette geistreicher Getränke um den Wein erweitert, der von der Wärme des Hochrheins und dem Kalk der Jurausläufer genährt wird – und Bestnoten abholt. Der Naturpark Schaffhausen beweist, dass Regionalentwicklung auf der Basis von Natur und Kultur nicht nur im hochalpinen Gebiet möglich ist, sondern auch in den tieferen Gefilden, wo in den letzten Jahrzehnten durchaus auch eine wirtschaftliche Entwicklung modernerer Prägung stattfand. Und letztlich zeigt der Regionale Naturpark Schaffhausen auch, dass der Brückenschlag über die Grenze möglich ist, gehören doch die beiden deutschen Gemeinden Jestetten und Lottstetten ebenfalls zum Park.

So bekommt die Schweizer Pärkefamilie also ein Kind mehr, oder besser gesagt: Es wird ein weiteres Kind der Schweizer Pärkefamilie erwachsen. Eben, ein Kind mit seinem ganz eigenen Charakter und seiner ganz eigenen Ausstrahlung. Zum Erwachsenwerden gehört freilich, auf eigenen Beinen zu stehen. Natürlich: Die Projekte des Naturparks werden immer darauf angewiesen sein, dass der Bund und der Kanton sie mitalimentieren. Der Naturpark ist aber vor allem auch ein Gefäss, welches jetzt von der Bevölkerung zu nutzen gilt. Man sagt den Schaffhausern ja nicht nur ihre Direktheit nach, sondern durchaus auch eine gewisse Innovationskraft. Beides zusammen, die Innovationskraft von Gewerbe, Landwirtschaft und Tourismus, verbunden mit den Projekten des Naturparks, kann viel bewirken in und für die Region. Die Vermarktungsmöglichkeiten auf der touristischen Schiene, das Label für die Regionalprodukte, die Entwicklungsmöglichkeiten durch den Park und das Netzwerk, all das kann euch allen zugute kommen – wenn ihr die Chance nutzt.

Gerade die Tatsache, dass wir heute ja an einem Jubiläum sind, welches eine Arbeitsgruppe feiert, die sich um die Aufwertung des Lebens- und Erlebnisraumes kümmert, beweist, dass der Boden gut ist, dass die Chancen eine Regionalen Naturparks erkannt und genutzt werden können.

In diesem Sinne gratuliere ich der AGUR zum Jubiläum, ich gratuliere natürlich ganz, ganz besonders dem Regionalen Naturpark Schaffhausen zur Labelübergabe und ich wünsche euch, liebe Bewohnerinnen und Bewohner des Reiats, liebe Schaffhauserinnen und Schaffhauser, dass ihr euren Charakter behaltet, stärkt und nach aussen trägt. Seid direkt, seid innovativ, nutzt eure Chance. Und so meine ich es wortwörtlich, wenn ich zum Schluss sage: Es lebe der Reiat, es lebe der Regionale Naturpark Schaffhausen!

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

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