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Ich bin auch ein Teil dieser Kirche – Mein Brief an Giulia

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Spitze Feder im Anzeiger Thal-Gäu-Olten vom 19. Juni 2019

Liebe Giulia

Es ist etwa 25 Jahre her, da hast du mir deine Geschichte erzählt. Ich verdiente bei der Bahnpost mein studentisches Zubrot, damit ich meine junge Familie durchbrachte, und band mit der Maschine die Briefe, die du sortiert hast, zu Bündeln.

Wir sprachen über die katholische Kirche und ich tat dir meine positive Haltung zu ihr kund. Da verschwand in Sekundenbruchteilen die südländische Fröhlichkeit aus deinem frohen, hageren Gesicht. Ich erblickte die ernste, in sich gekehrte Giulia.

Du hast erzählt von deiner Jugend im Nonnen-Internat in Süditalien. Davon, wie du gezüchtigt wurdest. Wie du die Nonnen befriedigen musstest. Wie dir erst mit 18 offenbart wurde, dass der Junge in der Kirchenbank vor dir dein Bruder ist. Das ging unter die Haut.

Im vergangenen Vierteljahrhundert – in dem ich dich nie mehr getroffen habe – hat man viel lesen müssen über die Missbräuche in der katholischen Kirche. Manch einer benutzt das jetzt und tritt aus der Kirche aus – und spart so gäbig Steuern.

Ich tue es nicht. Im Gegenteil möchte ich dir sagen können: Schau, ich bin ja auch ein Teil eben dieser Kirche, nicht nur die Verbrecher, die du erlebt hast. Wir werden lange brauchen, bis die Menschen das Gute, das die Kirche tut, wieder erkennen. Solange kann ich dir, mia cara Giulia, sofern du noch lebst, nur eines sagen:

Non ti ho dimenticato!

Stefan Müller-Altermatt vergisst viel. Einige Menschen aber nie.

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

  1. Von: Fabian Stocker-Wenger|21.06.2019 - 19:47

    Da kann ich nur sagen Giulia tut mir leid und es schmerzt mich, dass sie solche tiefgehende und schlechte Erfahrungen mit Vertretern der kath. Kirche gemacht hat.
    Ich wünsche Ihr viel Kraft und ich bete für sie.

    Und vielen herzlichen Dank an die Worte von Stefan Müller-Altermatt.

    Fabian

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