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Ich habe ein Handicap

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Ich bedanke mich ganz herzlich dafür, dass ich heute diese tolle Ausstellung mit einer kleinen Ansprache eröffnen darf. Ich tue das sehr, sehr gerne, wennschon vielleicht ein bisschen anders, als man das gewohnt ist.

Normalerweise stehen die Politiker ja hin und sagen, welchen innigen Bezug sie zu dem jeweiligen Anlass oder zu der jeweiligen Organisation haben. Die Politiker wollen zeigen, dass sie etwas von der Materie verstehen und dass sie mehr als alle anderen Politiker deshalb geeignet sind, um etwas Gescheites von sich zu geben. Am Jubiläumsfest des Fussballclubs wird plagiert, wie man selber als Junior gekickt hat. An den 1. August-Reden wird schmalzig berichtet, wie man selber immer die entfernten Verwandten besucht hat in dem Käfflein, in welchem man die Ansprache hält. Ja, Politiker können an solchen Sonntagsreden eigentlich immer fast alles, sie waren schon überall und sie empfinden Leidenschaft für praktisch jede Tätigkeit.

Ich sage heute nicht, dass ich Leidenschaft zum bildnerischen Gestalten habe. Weil es gelogen wäre. Die Wahrheit sieht anders aus: Mit Pinsel, Stift, Stechbeutel und sämtlichen Bastelutensilien bin ich der grösste Trottel. In der Schule waren Zeichnen und Werken Hassfächer – und als die Buben als ich in der 5. Klasse war auch noch in die Handarbeit mussten, war das in meinen Augen Folter an Minderjährigen durch das Erziehungsdepartement. Ich hatte lieber Naturwissenschaften und Sprachen, ich liebte den Turnunterricht und die Musik. Und die Musik liegt mir heute noch am Herzen. Ich kann Melodien nach erstmaligem Hören singen, ich kann sie auf meinem Waldhorn nachspielen, ich kann in der Musik versinken. Ich habe Zugang.

Der Zugang zur gestaltenden Kunst, der fehlt mir weitestgehend, das muss ich heute einfach zugeben. Ich bin auch gestalterisch nicht aktiv. Das einzige, was von mir kommt sind die völlig uninspirierten und charakterlosen Kritzeleien auf meinen zahlreichen Sitzungsunterlagen. Fertig.

Darum wäre es schlicht gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mit einer Leidenschaft für die bildende Kunst und mit der Erfahrung eines manischen Museumsgängers durch die Ausstellung gehe. Es ist nicht Leidenschaft, es ist nicht Sachverstand, die mich dominieren beim Betrachten der Werke. Es ist etwas anderes: Bewunderung. Es ist die Bewunderung, die ich, als Mensch mit Handicap, empfinde für Menschen, welche dieses Handicap nicht haben. Denn es ist doch so: In Sachen künstlerisches Gestalten bin ich richtiggehend behindert. Ich bin derjenige mit dem Handicap.

Und genau dort liegt doch das Wunderbare an der Kunst und an dieser Ausstellung. Sie zeigt auf, wie künstlich, wie unnötig und manchmal wie ungerecht die Grenze zwischen den Menschen mit Handicap und solchen ohne sein kann. Die Kunst zeigt uns, dass es ein „normal“ nicht gibt. Die Kunst deckt auf, dass wir als Menschen letztlich sehr wohl die Summe unsere Begabungen und Talente sind, vor allem aber eines: Menschen. Wir sind Menschen, egal ob wir nun über viel oder wenig Intellekt verfügen, ob wir musikalisch, sportlich oder eben gestalterisch begabt sind. Wir alle haben unseren Rucksack, der uns einzigartig macht, und das ist gut so.

Mit diesen Augen der Bewunderung und des Respekts werde ich durch die Ausstellung schreiten und so meinen Zugang zu den Werken suchen und sicherlich auch finden. Der Zugang über den Menschen dahinter, der mich fasziniert, den ich bewundere.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung viele wertvolle Beobachtungen der Werke und ihrer Erschaffer. Und den Künstlerinnen und Künstlern wünsche ich, dass ihnen viel Bewunderung zuteil wird. Denn diese Bewunderung ist letztlich ja der Lohn des Künstlers.

Ich danke den Verantwortlichen des Freizeit- und Bildungsklubs für Menschen mit Behinderungen, dass sie dieses Erlebnis für die Behinderten möglich gemacht haben – und zwar für Behinderte, welche die Werke geschaffen haben und für Behinderte, welche die Werke betrachten. Es ist wunderbar, dass ihr diese Begegnungsmöglichkeit der Talente geschaffen habt. Herzlichen Dank.

Nun wünsche ich uns allen viel Vergnügen bei der Ausstellung und erkläre sie hiermit als eröffnet.

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