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Mit Disziplin wird’s vorbeigehen. Selbst wenn wir nicht wissen, wieso.

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Als ich Anfang der 2000er-Jahre als Nebenfach meines Biologie-Studiums «Epidemiologie und Parasitologie» belegte, tat ich dies nicht in der Meinung, ich würde das dort erworbene Wissen tatsächlich während meiner Laufbahn benötigen. Ich belegte es einfach aus akademischem Interesse. Fast zwanzig Jahre später befinden wir uns in einer Pandemie, ich bin gewählter Volksvertreter und mein damaliger Dozent, Marcel Tanner, ist Mitglied der Task-Force des Bundes.

Ich muss zugeben, dass nach all den Jahren nicht mehr viel hängengeblieben ist vom damaligen Lernstoff. Aber immerhin weiss ich noch, was eine PCR macht, wofür T-Lymphocyten gut sind und vor allem: Ich bekam seinerzeit eine etwas andere als die übliche Art der Denkweise in Sachen Gesundheit eingeimpft, nämlich jene der Sozial- und Präventivmedizin. Es geht bei allen Diskussionen um das Coronavirus um viel mehr als um die Frage, wie man sich und andere vor dem Virus schützt. Es geht um die Frage, wie man die Bevölkerung gesund hält. Und sobald man den Fokus entsprechend verschiebt, diskutiert man dann eben nicht mehr um einzelne Massnahmen für einzelne Personen, sondern über Verhaltensregeln für alle. Wir impfen unsere Kinder nicht nur gegen Masern, weil wir sie davor schützen wollen. Wir impfen sie auch (oder vor allem), weil wir die Masern ausrotten wollen. Und was für die Masern gilt, gilt allgemein: Um eine Epidemie zu besiegen, müssen die Massnahmen – ob es sich nun um eine Impfung oder um simples Händewaschen handelt – von möglichst vielen, nein: von möglichst allen, befolgt werden.

Und aus diesem Grund ist klar, was wir am wenigsten gebrauchen können: politische Diskussionen um diese Massnahmen. Genau aus diesem Grund habe ich bis heute ziemlich diszipliniert die Klappe gehalten. Klugscheissereien eines profilierungssüchtigen Parlamentariers sind Gift für die Bekämpfung des Virus’. Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen haben es mir gleichgetan. Man traf auf wenige selbst ernannte Epidemiologen.

Trotzdem war die Entwicklung natürlich absehbar: Jede staatliche Verfügung wird in einer freiheitlichen Gesellschaft wie der Schweiz früher oder später hinterfragt und der Widerstand dagegen bricht sich Bahn. An dem Punkt sind wir jetzt und deshalb haue auch ich jetzt mal in die Tasten.

Mainstream-Presse und Inkompetenz beim BAG

Die zwingende Widerspruchslosigkeit gegenüber den Gesundheitsbehörden und die ebenso zwingende Einhaltung ihrer Verfügungen führt logischerweise dazu, dass beides angegriffen wird. Es ist kein Zufall, dass Kritik an der «Mainstream-Presse» bis hin zu astreinen Aluhut-Verschwörungstheorien laut wird.

Was hingegen weniger zwingend war, sind die Fehler, die das BAG begangen hat. Epidemiologie ist letztlich Mathematik. Sie erhebt Zahlen, berechnet und interpretiert. Und wenn das federführende und unwidersprochene Bundesamt nun mittlerweile bei allen drei Punkten gepatzert hat (falsch gemeldete Anzahl Neuinfektionen im Mai, falsch zugeordnete Zahlen in der Club-Diskussion, widersprüchliche Interpretation der Rolle der Kinder), dann verliert es seine Deutungshoheit.

Ist es also an der Zeit, dem BAG so richtig die Meinung zu geigen, weil man als Politiker so ja keine evidenzbasierten Entscheide mehr fällen kann? Oder soll man die Gunst der Stunde nutzen, um den Bundesrat für die Führung des Amts zu kritisieren? Man kann das tun. Man muss sich aber bewusst sein, dass im historischen Vergleich die Kritik am BAG auf sehr hohem Niveau stattfindet. Die Medizin ist eine Wissenschaft, die regelmässig im Dunkeln stochert. Als ab 1347 innerhalb weniger Jahre ein Drittel von Europas Bevölkerung an der Pest stirbt, glauben die mittelalterlichen Gelehrten, eine ungünstige Planetenkonstellation habe ein Übermass an Wärme und Feuchtigkeit produziert und dadurch die Körpersäfte der Menschen in ein Ungleichgewicht gebracht. Niemand wusste von Bakterien, niemand bekämpfte Ratten und Flöhe, die die Krankheiten übertrugen. Man verordnete stattdessen Aderlasse, gegen Norden geöffnete Fenster, die Vermeidung von süssem Obst genauso wie von Sex, das Trinken von Wein mit Wasser und vor allem die Einnahme von Theriak, einer Höllenmixtur mit Vipernfleisch, Opium und allerlei andern Abscheulichkeiten.

Und als 1845 die Cholera in London wütete, war sich die Wissenschaft einig, dass das an den «Miasmen», krankheitsverursachenden Dünsten, liegen müsse. John Snow wies nach, dass eine verseuchte Wasserpumpe in der Broad Street und somit wohl Mikroorganismen im Wasser schuld waren. Snows Beobachtung wurde von der Wissenschaft zeitlebens nicht anerkannt. Der Cholera-Erreger wurde erst 30 Jahre später gefunden.

Die Sache wird sich lösen

Keine Angst, ich will nicht mit historischen Anekdoten (aus Zeiten, in denen es die Epidemiologie eben noch nicht gab) das BAG in Schutz nehmen. Ich will aber eines klar sagen: Die Medizingeschichte ist eine Geschichte der späten Erkenntnis. Wir wissen bis heute nicht restlos, warum diese Pest-Epidemie im 14. Jahrhundert plötzlich abflaute – es sei denn, man erkläre es schlicht mit der traurigen Tatsache, dass Yersinia pestis nach dem Tod eines Drittels der europäischen Bevölkerung nicht mehr genügend Wirte fand.

Kein guter Gedanke – aber zum Glück nicht unsere Perspektive. Wie geht es also weiter? Und vor allem: Was muss die Politik tun? Aus epidemiologischer Sicht dürfte der Fall klar sein: nichts muss sie tun. Das Coronavirus wird verschwinden und/oder es wird harmloser. Verschwinden kann es, weil in der Bevölkerung eben doch eine Grundimmunität vorhanden ist (eben über die T-Lymphocyten). Harmloser werden kann es quasi von sich aus, durch Mutationen. Oder auch deshalb, weil wir besser therapieren können. Und natürlich wird beides eintreten, weil wir durchimpfen werden – irgendwann.

Es wird wohl nicht so schnell gehen, wie einige profilierte Köpfe sich das denken. Das zeigen die Länder, die gerade die ominöse «zweite Welle» durchmachen (Israel, Iran, Australien etc.). Deshalb braucht es halt doch eine politische Strategie, welche Massnahmen in der kommenden «Abklingphase» nötig sein werden. Und hier gilt: Hinten hinausdenken, das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das Ziel sind nicht Ansteckungszahlen nahe Null. Das Ziel ist (neben der Vermeidung unnötiger Opfer) die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems. Die erste Welle hat gezeigt, dass wir die nötigen Kapazitäten haben, dass gleichzeitig das Virus aber derart ansteckend ist, dass die Kontrolle schwierig ist.

Was nicht weh tut: tun!

Vorsicht ist also geboten. Das heisst: Massnahmen, die eine Wirkung zeigen und die auf den anderen Ebenen (sozial, wirtschaftlich) keinen Schaden anrichten, sollen durchgezogen werden. Und auch wenn es medizinisch nicht zwingend einleuchtet – eben: wie so vieles in der Medizingeschichte – die Masken wirken. Es gibt eindrückliche Beispiele von Ländern mit umfassender Maskenpflicht (Österreich, Armenien etc.), die exakt mit dieser Massnahme die Zahlen herunterbrachten oder unten behalten konnten. Vielleicht gar nicht, weil wir mit Maske weniger Tröpfchen übertragen, sondern weil wir uns weniger Viren ins Gesicht schmieren. Es ist auch absolut egal, wie und weshalb die Maske wirkt. Hauptsache, sie wirkt. Und weil die Maske jetzt wirklich nicht weh tut, sollten wir sie tragen, nicht nur im öV. Ebenso sollten wir im Homeoffice bleiben. Und sowieso Hände bei jeder Gelegenheit waschen und desinfizieren.

Was Schaden anrichtet: nach Möglichkeit sein lassen

Wir müssen aber nicht mehr alles einfach so ohne Widerspruch tun. Wir haben mehr Zahlen, mehr Wissen und vor allem mehr Bewusstsein in der Bevölkerung als noch vor dem Lockdown. Das lässt eine Diskussion durchaus zu. Ein Lockdown (im Sinne von Geschäfts- und Schulschliessungen) würde definitiv keinen Sinn mehr machen. Sportveranstaltungen mit Zuschauern sollten genauso wieder möglich sein wie Konzerte und Kino. Alles halt mit Schutzkonzepten, sprich Abstand, Hygiene und Masken. Echte Massenveranstaltungen hingegen, mit zehntausenden von Teilnehmern sind tabu. Das Champions League-Spiel Bergamo gegen Valencia, der Frauenstreik in Madrid und der Täufer-Gottesdienst in Mulhouse waren eindrückliche Treiber der Infektion. Und tritt das Virus an solchen Massenveranstaltungen auf, wird eine Kontrolle kaum möglich sein.

Wir sollten also keine wirtschaftlichen Schäden mehr riskieren. Wir müssen im Gegenteil die Sport- und Kulturszene wiederbeleben, halt mit kleineren Konzerten und nur halbvollen Stadien. Wir brauchen aber Disziplin. Wir haben immer noch die Aufgabe, der Welt zu zeigen, dass wir auch als freiheitliche Gesellschaft mit diesem Virus leben können, mindestens so gut wie die totalitär regierten Chinesen, die gerade in Qingdao ihr Bierfest feiern – mit Maskenpflicht.

Ohne weiteren wirtschaftlichen Schaden und wenn wir ehrlich sind auch ohne Schmerzen wegen Masken und Händewaschen wird die Sache so vorbeigehen. Ich vermute mal, ohne zu wissen, wieso.

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

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