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Plädoyer für den Ausgleich

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Liebe Langenthalerinnen, Liebe Langenthaler

Ich brauchte wohl keine drei Minuten, um das Mail zu beantworten, in welchem ich angefragt wurde, ob ich in meiner Geburtsstadt die Bundesfeierrede halten möchte. Ich habe nicht einmal lange an irgendwelchen Floskeln herumsinniert, sondern eine kurze und knackige, positive Antwort gegeben – auf dass ja nichts schiefgehe. Ich bin wirklich sehr gerne hier und ich bedanke mich herzlich für die Einladung.

Um zu erklären, weshalb ich so gerne hier bin und weil die Kernaussage meiner Rede das bedingen wird, tue ich jetzt etwas, was man als Politiker an einem 1. August tunlichst unterlassen sollte: Ich rede zuerst ein bisschen von mir. Bitte betrachten Sie das also nicht als Narzissmus, ich werde es auflösen.

Ich wurde also 1976 in Langenthal geboren; Langenthal ist meine Geburtsstadt – obwohl sich Langenthal 1976 noch standhaft wehrte, als Stadt bezeichnet zu werden. Viel aktueller ist aber ein anderer Bezug zu Langenthal: Der Stadtpräsident, Reto Müller, ist mein Cousin. Damit ist jetzt wohl für die Meisten klar, dass gewisse familiäre Banden mitausschlaggebend waren, dass ich heute vor Ihnen stehen darf und ein Teil meines Kredites ist verspielt. Ich werde mir Mühe geben, dieses Handicap in den nächsten Dreiviertelstunden mit meiner Rede aufzuholen – oder auch ein bisschen schneller.

Reto und ich sind also Cousins. Wir haben als Kinder in Roggwil, dem Herkunftsort unserer Väter, sommers allsonntäglich in der Langeten geplanscht. Ein Fun Fact am Rande: Unsere Väter sind übrigens eineiige Zwillinge. Genetisch betrachtet sind wir also sogar Halbbrüder – ich hoffe jetzt auch für Reto, dass dies meinen Kredit nicht noch weiter schmälert.

In der Jugend trennten sich dann die Lebenswege und wir verloren uns sogar weitgehend aus den Augen. Ich wurde halt ennet der Aare, im solothurnischen Wolfwil, zum Teenager, er hier im bernischen Teil des Oberaargaus. Ich besuchte in Olten die Kantonsschule und war als 15-Jähriger selbstverständlich ausgestattet mit grün-weissem Shirt und Käppi, mit denen ich praktisch jedes Heimspiel des EHC Olten besuchte. – Mit den soeben erfolgten Zwischenrufen an dieser Stelle meiner Rede habe ich gerechnet. Ich bin Ihnen dankbar, dass nichts geflogen kam. – Ich folgte meinem Grossvater in die Blasmusik, die verankert war in den katholisch-konservativen Kreisen. Im Rahmen der Blasmusik lernte ich meine Frau kennen und ich folgte ihr – weil bald einmal schwanger – ins Thal. Dort durfte ich meinen beruflichen Weg machen, den Naturpark Thal aufbauen und auch eine politische Karriere innerhalb meiner politischen Heimat, der CVP machen, die mich bis in den Nationalrat brachte.

Retos Weg in dieser Zeit kenne ich ehrlich gesagt kaum. Auf irgendeine Geissart wurde er aber Lehrer und – wohl in diesem beruflichen Kontext nicht ganz zufällig – Sozialdemokrat. Gut, das sind auch Leute. Was aber auffällt: Wir waren kaum einmal mehr als 20 Kilometer getrennt, sind uns nicht mal unähnlich – wenn wir die Frisur und andere äussere Merkmale mal weglassen – und hatten doch kaum Kontakt und fast wie vorbestimmt einen anderen beruflichen, politischen, gesellschaftlichen Weg. Und dieser unterschiedliche Weg war nicht einfach unterschiedlichen Interessen geschuldet. Er war unterschiedlichen Milieus geschuldet. Das solothurnische, ländliche, katholisch-konservative Milieu, in welchem ich mich seit meiner Prägung bewegt habe, erscheint in der bernischen, industriellen Kleinstadt Langenthal doch als relativ fremd.

Wir, Reto und ich und die meisten die wir hier sind, sind also Kinder der Milieu-Schweiz. Und jetzt bin ich eben beim Kernthema meiner Rede, auf das ich mit der persönlichen Geschichte darauf hinzielen wollte. Die Schweiz entstand, sie lebte und sie hat überlebt mit verschiedenen Milieus und vor allem dank dem ständigen Ausgleich dieser Milieus. Schon dass ich als Solothurner heute Eidgenosse bin, ist einem solchen Ausgleich zu verdanken: Dem Ausgleich zwischen den damaligen Stadt- und den Landorten, den man im Stanser Verkommnis 1481 fand. In diesem Stanser Verkommnis mussten die Stadtkantone ihre Bünde mit Solothurn und Freiburg lösen, dafür wurden Solothurn und Freiburg in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Der moderne Bundesstaat entstand durch ein Husarenstück unserer Verfassungsgeber, welche den Ausgleich zwischen liberalen Anhängern des Zentralstaats und konservativen Vertretern des Staatenbundes bewerkstelligen mussten. Sie schafften es mit der Schaffung des Zweikammersystems mit National- und Ständerat. Als nach dem ersten Weltkrieg die Vorarlberger Bevölkerung mit Dreiviertels-Mehrheit den Anschluss an die Eidgenossenschaft befürwortete, scheiterte dieses Ansinnen auf Schweizer Seite, weil man befürchtete, eine so grosse Anzahl deutschsprachiger Katholiken könnte den Ausgleich der Milieus gefährden. Und auch die Zusammensetzung der Landesregierung, die wir in der Bundesversammlung medienwirksam bei jeder Vakanz diskutieren, hat letztlich nur ein Ziel: Der Erhalt der Konkordanz oder anders gesagt: der Ausgleich der Milieus.

So lief das in der Schweiz – über Jahrhunderte. Jede und jeder wusste irgendwie, wo er hingehört. Katholische und Reformierte, Liberale und Konservative, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Solothurner und Berner, EHC Olten und SC Langenthal. Jede und Jeder hatte seine Heimat in seinem Millieu und die Verantwortungsträger achteten auf den Ausgleich. Das hat uns verwurzelt, zusammengehalten und zu einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte geführt, die ihresgleichen sucht.

Die Milieu-Schweiz, die ständig ausgeglichen wurde. Gibt es sie noch? Mit Sicherheit nicht mehr in dem Ausmass, wie es sie vor dreissig oder vierzig Jahren noch gab. Die Konfessionen spielen im Alltag kaum noch eine Rolle. Die Parteien verlieren genauso Mitglieder wie die Arbeitgeber- und die Arbeitnehmerorganisationen. Die Bevölkerung ist wesentlich mobiler, der Wohnort wird nicht mehr wegen familiärer oder persönlicher Bande gewählt, sondern nach Erreichbarkeit, Standortqualität oder auch einfach Zufall. Unsere Beziehungsnetze existieren nicht mehr nur physisch in der Nachbarschaft, sondern auch virtuell im Netz. Kurz: die Gesellschaft wurde heterogener, vielseitiger. Milieus sind kaum mehr auszumachen, sie auszugleichen entsprechend unmöglich.

Wie gehen wir als Land damit um? Die billige politische Antwort ist die, dass man die Entwicklungen im Inland unreflektiert lässt und einfach Irgendetwas dafür die Schuld gibt, dass sich die Menschen nicht mehr ganz so aufgehoben fühlen wie auch schon. Die EU zum Beispiel oder die Ausländer. Oder die Abzocker-Manager mit ihren viel zu hohen Gehältern. Alles Dinge übrigens, die es unzweifelhaft tatsächlich gibt. Wenn man aber Lösungen sucht, um den Menschen in diesem Land die einstige Geborgenheit der einstigen Millieus zurückzugeben, dann zielt jede Antwort auf eine vermeintliche Schuldfrage weit daneben.

Die Menschen in unserem Land werden nicht glücklicher, wenn wir gegen alle Einflüsse von aussen wettern. Die Menschen in unserem Land werden nicht glücklicher, wenn die Saläre der Manager auf ein Mass sinken, welches nach menschlichem Ermessen in etwa einer angemessenen Honorierung der Leistung entspricht. Die Menschen werden dann glücklicher, wenn sie wieder das Gefühl haben, dass wir in einer Gesellschaft und in einem politischen System leben, in dem für den Ausgleich gesorgt wird. Nicht Gleichheit nach sozialistischem Muster – aber der Ausgleich der Interessen. Das Wissen um diesen Ausgleich, das Wissen, dass auch meine Interessen ernst genommen und im politischen Entscheidprozess abgewogen werden, dieses Wissen gibt Sicherheit. Und Sicherheit führt zu Geborgenheit.

Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen. Unsere Altersvorsorge ächzt unter der schiefen Demografie. Wir brauchen eine Reform des Rentensystem. Das Gesundheitswesen ist ein Budgetposten, der für viele Familien und für ältere Menschen nicht mehr zu stemmen ist. Das Verhältnis zur EU, zu unserem mit Abstand wichtigsten Handelspartner, steckt in einer Sackgasse. Und wie es mit der Unternehmensbesteuerung und dem Finanzausgleich weitergeht, steht in den Sternen. Ich bin noch keine zwanzig Jahre in Bundesbern, erst deren sieben. Aber eines musste ich auch in dieser relativ kurzen Zeit feststellen: Die Lösungsfindung wird schwieriger. Sie wird deshalb schwieriger, weil man sich auch in Bundesbern nicht mehr bewusst ist, wo die Lösungsfindung über Jahrzehnte herkam: vom Gedanken des Ausgleichs. Wir haben für unser Land immer wieder die besten Lösungen gefunden, weil sich die Verantwortungsträger bewusst waren, dass sie die persönlichen Interessen immer wieder hintenan stellen mussten, zum Wohle der Lösung für alle.

Die Schweiz, das Land des Ausgleichs. Die Schweiz, ein Land, das in den grossen strukturellen Veränderungen unserer Zeit durch Demografie, Digitalisierung und Globalisierung immer härter um ausgewogene Lösungen ringen muss. So weit, so klar. Was aber resultiert für die Langentalerinnen und Langenthaler aus diesen Überlegungen? Der Ausgleich wird eben nicht nur im grossen Massstab immer wichtiger und gleichzeitig harter zu erringen, sondern auch im kleinen. Ich habe es eingangs ja erwähnt: Die Gesellschaft ist heterogener, bunter geworden. Die Interessen dadurch vielfältiger. Das gilt für die Schweiz, das gilt aber sicher auch für Langenthal.

Es wird uns nur gelingen, unseren Wohlstand, unseren sozialen Frieden und dadurch auch unsere Zufriedenheit zu erhalten, wenn wir uns im Kleinen einbringen und gemeinsam den Ausgleich bewerkstelligen – eben auch in den kleinen, demokratischen Zellen, auf Gemeindeebene. Der absolut wichtigste Teil meiner Rede ist deshalb der Aufruf, dass man mitmachen soll bei der Gestaltung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft. Machen Sie bitte, bitte wieder mit, in den Parteien, in den Vereinen, in den Gewerkschaften, in den Wirtschaftsverbänden, wo immer Sie sich auch hingezogen fühlen.

Ich weiss natürlich: Diejenigen, die an eine Bundesfeier kommen, sind in der Regel nicht die, denen man das sagen muss. Trotzdem und im Falle Langenthals sei der Apell umso eindrücklicher platziert: Bitte lasst uns die Schweiz nicht veranonymisieren, weil wir uns alle einfach auf uns selber besinnen und ins Schneckenhaus zurückziehen. Langenthal wurde ja Jahrzehnte lang als Durchschnitt vom Durchschnitt angeschaut; die Langenthalerinnen und Langenthaler mussten mitunter ja sogar als unfreiwillige Testkaninchen für den Schweizer Markt herhalten. Deshalb wäre es aus Langenthal ein umso verheerenderes Signal, wenn man feststellen müsste: In einer obertypischen Schweizer Kleinstadt will kein Mensch sich mehr engagieren und die, die sich noch engagieren, wissen sich kaum noch zu wehren gegen die immer vehementer gestellten Forderungen aus Partikulärinteressen heraus.

Ich habe jetzt vielleicht etwas schwarz gemalt. Das Bild der zurückgezogenen, unzufriedenen Schweizer widerspiegelt natürlich nicht die Tatsachen. Tatsache ist nämlich: Die Schweizerinnen und Schweizer sind ein glückliches Volk – ein sehr glückliches Volk. In den World Happiness Reports belegen wir zusammen mit den skandinavischen Ländern chronisch einen der vordersten Plätze. Es fehlt nur ein My und wir würden auch die Dänen noch vom ersten Platz weglächeln. Ich bin aber überzeugt, dass wir schnell diesen Spitzenplatz verlieren, wenn wir unsere Gemeinschaft nicht pflegen. Und vielleicht ist es auch nicht Zufall, dass die Skandinavier, die mit ihrem Wohlfahrtsstaat ein ausgesprochenes Gemeinschaftsgefühl auch institutionell ausleben, noch dieses My vor uns liegen.

Ich weiss ja nicht, was die Überlegungen waren, seinerzeit, weshalb man in Langenthal nicht vom Dorf zur Stadt werden wollte. Ich nehme an, es waren primär finanzielle Gründe. Aber vielleicht war es – neben wohl finanziellen Aspekten – auch die Assoziation des Dörflichen, waren es die dörflichen Qualitäten, die man nicht aufgeben wollte. Dörfer sind doch immer sympathisch. Wohingegen der Begriff der Kleinstadt ja geradezu nach Anonymität und provinziellem Füdlibürgertum schreit. Deshalb, liebe Langenthalerinnen und Langenthaler, auf die man als Durchschnittskleinstädter migottseu halt einfach schaut: besinnt euch auf die dörflichen Qualitäten. Versteckt euch nicht hinter den Thujahecken und in den Instagram-Accounts, sondern gestaltet mit. Gestaltet eure sympathische, persönliche Kleinstadt. Gebt ihr Charakter und euch selber dadurch Geborgenheit im Ausgleich. Auf dass der Ausgleich, der für die Schweiz so wichtige Ausgleich, auch in Zukunft gelinge, im Kleinen wie im Grossen.

In diesem Sinne: ein Hoch auf Langenthal, ein Hoch auf die Schweiz!

Kategorie: Allgemein | Kommentare deaktiviert für Plädoyer für den Ausgleich

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