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Von den Kryptogamen

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In meinem allerersten Studiensemester hatte ich eine Grundlagenvorlesung zu belegen, die nannte sich „Kryptogamen“. Und unter diesen „Kryptogamen“ – die bereits aus heutiger Sicht absolut keine logische Gruppe bilden – wurde uns eine Einführung gegeben zu Algen, Moosen, Bärlapppflanzen – und Pilzen und deren Ökologie. Die „Kryptogamen“, abgeleitet aus zwei griechischen Wörtern: „kryptos“ für verborgen, heimlich und „gamein“ für heiraten oder eben blühen. Frei übersetzt hatte ich also eine Vorlesung zu den „Verborgenblüher“.

Im Verborgenen blühen. Das tun die Pilze ja nicht alle. Die Ständerpilze machen ja ganz offensichtlich Fruchtkörper, die sehr wohl sichtbar sind. Sonst könnte man ja nicht in die Schwämme. Und doch findet die grosse ökologische Leistung der Pilze im Verborgenen statt. Keine Organismengruppe ist wichtiger für den Abbau von organischer Materie. Sie sind die absolut wichtigsten Destruenten. Holz abbauen, konkret das Lignin, welches Holz eben hart macht, können eigentlich ausschliesslich Pilze. Sie können das dank ihres für uns so gut wie unsichtbaren Körpers, der in das Holz eindringt. Der Grossteil des Pilzkörpers ist schliesslich nicht der Fruchtkörper, wie wir ihn sehen, suchen und sammeln, sondern das sind die Milliarden von Hyphen, mikroskopisch feiner Pilzfäden. Ohne Pilze würde also der Wald nicht abgebaut. Ich habe mir das immer so bildlich vorgestellt: Wie Baumstämme sich zu Bergen häufen, bis die Evolution irgendeinmal den Revierförster hervorgebracht hat, der dann vor einem gewaltigen Berg Arbeit stand.

Dieses Bild ist natürlich ein Witz. Nur schon deshalb, weil ohne die Pilze ja schon gar kein Wald entstanden wäre. Denn die Funktion als Destruenten ist nur eine der ökologischen Funktionen der Pilze. Mindestens so wichtig sind natürlich die Symbiosen, welche die Pilze eingehen. Ohne Mykorrhiza-Pilze, welche die Pflanzen mit Nährstoffen versorgen, gäbe es unseren mitteleuropäischen Wald wohl kaum. Und damit auch keinen Lebensraum für alle anderen Lebewesen, vom kleinsten Käfer bis zum grössten W…iederkäuer. In der Symbiose mit Algen bilden die Pilze Flechten und können so die extremsten Lebensräume besiedeln. Beispielsweise unsere Jurafelsen. Ich habe ja später dann meine Doktorarbeit über die Vegetation der Jurafelsen schreiben dürfen. Und als ich begann, mich wortwörtlich vertieft mit diesem scheinbar toten Lebensraum zu beschäftigen, war ich unglaublich fasziniert ob der Vielfalt, die da herrscht. Die Flechten werden abgegrast von winzig kleinen Schnecken, von Felsenspringern (also Urinsekten), von Spinnen und und und. Ich rate Ihnen: Stellen Sie sich einmal vor einen Jurafelsen – ganz nah, 30 cm davor – und sie bekommen live bestätigt: Alles basiert auf den Pilzen.

Pilze vollbringen also grosse Leistungen im Verborgenen. Grosse Leistungen im Verborgenen erbringen, im Verborgenen blühen. Was gäbe es für eine schönere Analogie zu den Pilzfreunden! Auch sie sind heimliche Schaffer – ich meine damit natürlich nicht, dass sie heimlich in die Schwämme gehen. Da gibt es andere Tätigkeiten im Wald, die unbeobachtet ausgeführt werden… Was ich meine: Die Pilzfreunde haben keine Aufstiegsspiele und keine Cup-Knüller. Sie haben keine Konzertgala mit Symphonieorchester, kein Monsterkonzert, keine Turnerunterhaltung. Die grosse Bühne ist den anderen Welschenrohrer Vereinen vorbehalten. Und doch haben die Pilzfreunde ein aktives Vereinsleben, gehen auf Reizkertour, auf Bergtour, versammeln sich gesellig am Vereinsplatz im Brünnli, organisieren Vorträge und tauschen ihr Wissen aus. Das sind keine wellenwerfenden Aktivitäten. Aber es sind extrem wertvolle Vereinsaktivitäten, die wie Pilzhyphen unsere Gesellschaft durchdringen, sie nähren mit Wissen, mit Geselligkeit, mit Kitt. Wissen von Generation zu Generation weitergeben, welches man eben nicht in den Lehrbüchern findet, sondern nur lokal erworben und vermittelt werden kann. Das ist eine extrem wichtige Aufgabe, weil sie die Gesellschaft formt und ihr eine Identität verleiht – genau das, was wir uns im Naturpark Thal ja auch selber zuschreiben: eine Identität, basierend auf der Verwurzelung mit unserer natürlichen Umgebung.

Nun ist der Mensch ja ein Tier, welches nicht nur auf physische Nahrung angewiesen ist, sondern auch auf seelische. Der Mensch braucht Erfolg und Anerkennung, auf welcher Ebene auch immer. Genau deshalb suchen junge Menschen logischerweise eher den Sportverein, um Spiele zu gewinnen, oder die Musikvereine, um mit Applaus belohnt zu werden. Wieso aber gibt es Leute, die sich – entgegen diesem Naturell des Menschen – für einen Verein wie die Pilzfreunde engagieren? Es gibt nur eine Erklärung: Idealismus. Und dieser Idealismus verdient eben grösste Anerkennung. Ich gratuliere den Verantwortlichen des Vereins, die ihn ja mit unglaublicher Kontinuität tragen, um Jubiläum und danke ihnen für ihr grosses Engagement für unsere Gesellschaft.

Die Pilzfreunde heben sich in unserer erfolgs- und leistungsorientierten Gesellschaft wohltuend ab vom Posting-Fieber, vom Zwang zum Indivualerlebnis, vom Wettbewerb um Status und Macht. Damit sind sie exakt der Kontrapunkt zur Politikergilde. Politiker sind zwar Netzwerker wie die Pilze, aber eines sind sie im Gegensatz zu den Pilzen und den Pilzfreunden ganz sicher nicht: kryptogam. Politiker posaunen jede noch so kleine Leistung heraus – auch wenn sie nicht mal ihnen selber zuzuschreiben ist. Im Verborgenen blühen? Sorry, das kann sich Unsereiner nicht leisten.

Die Pilzfreunde Welschenrohr leisten sich das. Ich wünsche den Pilzfreunden für die nächsten hundert Jahre, dass ihr kryptogames Wirken, auch wenn es im Verborgenen erfolgt, viele grosse Früchte trägt. Dass das unglaubliche Wissen, welches in diesem Verein steckt, lange, lange weitergetragen und vermehrt wird. Und dass die grosse, uneigennützige Arbeit eben nicht nur im Verborgenen blüht, sondern ausstrahlt in die Gesellschaft, welche diese Arbeit mehr denn je braucht.

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

  1. Von: Markus Flück|02.09.2019 - 06:23

    Hallo Stefan,
    deine Rede zu den Pilzen war sehr fundiert. Du hast es auf den Punkt gebracht. Die Zusammenhänge Pilz-Wald wurde dem Publikum verständlich weitergegeben. Für mich ist dies auch ein grosses Anliegen, dass diese wichtigen Zusammenhänge allen bewusst werden.
    Vielen Dank!

    Mit besten Pilzgrüssen
    Pilzbuchautor und Pilzexperte
    Markus Flück

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