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Von Louis Ingolds Zwangsgemeinschaft zur Gesellschaft der Singularitäten

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Liebe Subingerinnen

Liebe Subinger

Ich bedanke mich ganz herzlich, dass ich heute zu Ihnen sprechen darf, dass ich als Nationalrat aus dem Thal im Wasseramt meine vaterlandsbezogenen Gedanken am Nationalfeiertag an die Bevölkerung weitergeben darf.

Ein Herbetswiler predigt in Subingen. Die Wenigsten dürften das wissen, aber Jahrzehnte lang lief das genau umgekehrt. Da hat ein Subinger in Herbetswil gepredigt. Ludwig Ingold, wie im Thal für diesen Vornamen üblich nur „Louis“ Ingold genannt, geboren, aufgewachsen und später begraben in Subingen, war Pfarrer in Herbetswil von 1939 bis 1986, also stolze 47 Jahre lang. Dieser Louis Ingold hat zusammen mit seiner Köchin Emilie Ris eine strenge, katholische Moral hochgehalten, wie sie in den meisten anderen Gegenden des Kantons und der Schweiz schon längst überholt worden war. So wurde vom Geistlichen – und vor allem von der Pfarrköchin – das Baden in der Dünnern genauso getadelt wie wenn man am Sonntag Fussball gespielt hat. Und wer beim Gottesdienstbesuch die Ärmel ein bisschen gar weit oben trug und deshalb etwas mehr Haut zeigte, musste sogar mit strafenden Worten von der Kanzel herab rechnen – und dies auch noch in den wilden achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Louis Ingold hat Herbetswil regelrecht erzogen.

Wenn also das Thal mitunter abgestempelt wird als konservativ, ja gar ein bisschen rückständig, halt hinter dem Berg, dann kann ich hier in Subingen als Herbetswiler mit der Gewissheit eines Geschichtsschreibers sagen: Es war ein Subinger, der uns so gemacht hat!

Nun wäre die Versuchung natürlich gross, euch Subingerinnen und Subinger das ein bisschen heim zu zahlen. Ich könnte jetzt mit einer vaterländischen Rede über die dräuenden Gefahren unserer Zeit ein Stückchen von der Furcht des Louis Ingold zurückzugeben. Aber erstens hatte Louis Ingold mit seinen vaterländischen Predigten über die Todsünden, die Höllenverdammnis und das Fegefeuer wenig Erfolg. Er wurde zwar Ehrenbürger von Herbetswil, ein Grossteil der damals Jugendlichen wandte sich aber von dieser Angst verbreitenden Kirche ab. Und zweitens habe ich selber gar nicht mehr unter Louis Ingold gelitten, weil ich nämlich gar nicht in Herbetswil aufgewachsen bin, sondern noch schlimmer, in Wolfwil.

Also verzichte ich darauf, hier Angstgemälde zu zeichnen. Ich verzichte darauf, die Gefahren von Klimawandel, angespannter kosmopolitischer Lage, verrückten Finanzmärkten und verschobener Demografie zu predigen. Ich will nicht das Verdammnis und das Höllenfeuer des Louis Ingold hochbeschwören – das überlasse ich sowieso lieber jenen Politikerkollegen, die von diesen Ängsten leben. Ich will lieber davon reden, wie die Schweiz ihre wahrhaft himmlische Stellung auf diesem Globus behalten kann.

Die Schweiz hat nämlich wirklich eine unglaublich starke Stellung. Wir sind bezüglich Wirtschaftsleistung, Innovationskraft, Standortattraktivität, Kaufkraft, ja bezüglich fast allen wirtschaftlichen Parametern absolut top. Zu verdanken haben wir das vielen verschiedenen Faktoren. Die Schweiz hat es immer wieder geschafft, sich anzupassen. Wir wurden früh von der Industrie- zur Dienstleistungsnation. Wir haben unsere Infrastruktur immer an die neuste Technologie angepasst. Wir haben eine offene Handelspolitik betrieben. Wir haben eine funktionierende Sozialpartnerschaft in der KMU-Landschaft mit Patrons statt Abzockern und konstruktiven Personalverbänden statt Kampfgewerkschaften. In dieser Ausgangslage von Chancen für die Zukunft zu reden, ist relativ einfach. Denn wir haben weiterhin alle Voraussetzungen, dass wir so top bleiben. Ganz ehrlich: Ich hege nicht den geringsten Zweifel.

Wir brauchen also nicht zu sehr auf die Wirtschaft zu blicken, wenn wir über die Chancen für die Zukunft reden. Wir können, ja wir müssen auf die Menschen in diesem Land blicken, wenn wir über die Chancen für die Zukunft reden. Denn was nützt uns die Arbeit, wenn die Arbeit nicht dem Menschen dient, sondern nur immer der Mensch der Arbeit?

Wir haben als Land in den letzten Jahren Grossartiges geleistet, um mit den globalen Veränderungen der Wirtschaft fertig zu werden. Noch sehr viel umwälzender als im wirtschaftlichen Bereich waren aber die Veränderungen im gesellschaftlichen Bereich – eben in der Gemeinschaft der Menschen in diesem Land. Ich brauche nicht bis zu den Zeiten von Louis Ingold zurück zu gehen, um festzustellen, dass sich unsere Gesellschaft, ob in Herbetswil oder in Subingen, tief greifend verändert hat. Die Mobilität hat sich vergrössert, die Bindung an einen Wohnort hat abgenommen. Freundschaften lebt man mindestens so häufig wie in Vereinen in den sozialen Medien aus, einkaufen tut man nicht mehr nur im Dorfladen oder in der Kleider-Boutique, sondern auch bei Zalando und Ebay.

Diese veränderte Gesellschaft ist stärker individualisiert und gleichzeitig stärker extrovertiert als noch vor ein paar Jahren. Wir zeigen gerne, was wir sind und was wir haben. Das besondere Erlebnis müssen wir haben. Ja nicht konform sein, ja nicht in der Masse verschwinden. Das ist das pure Gegenteil von dem, was man eben in den Achtzigerjahren noch wollte. Damals galt ein sicherer Job auf Lebenszeit, ein Einfamilienhaus im Grünen und Ferien am Mittelmeer als erstrebenswert. Heute ist es hip, Freelancer zu sein, eine Loftwohnung zu haben und  einen Adventuretrip in den Dschungel von Sulawesi zu unternehmen. Wir sind angekommen in der „Gesellschaft der Singularitäten“, wie der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz das genannt hat. Offen zu sagen, dass man sich in der dörflichen Gemeinschaft wohl und geborgen fühlt, gehört in dieser Gesellschaft nicht mehr zum Standardrepertoire.

Ich verurteile diese Gesellschaft nicht. Aber ich zweifle daran, dass diese Art zu leben, uns dauerhaft und über alle Lebensphasen glücklich macht. So sehr ich selber in den sozialen Medien unterwegs bin, ja sogar ein bisschen von ihnen lebe, genau so sehr bin ich überzeugt, dass sie nicht alle zwischenmenschlichen Kontakte ersetzen können. Sie ersetzen nicht die Geborgenheit, die ein Kind in der Familie von Mutter und Vater bekommt. Sie ersetzen nicht die Wärme, die ein alter Mensch erfährt, wenn die Angehörigen ihn pflegen. Sie bieten keinen Ersatz für das gemeinsame Erfolgserlebnis, das man im Musik- oder im Sportverein erfährt.

Genau hier finde ich, sollte die Schweiz die Chancen der Zukunft nutzen. Wir sind ein Land in wirtschaftlicher Blüte, mit politischer Stabilität, mit voller Mitsprache der Bevölkerung. Kaum ein Land hat wie die Schweiz die Chance, eine Gesellschaft aufzubauen, welche die Vorzüge der modernen Zeit genauso ausnützt, wie sie die Werte der dörflichen Welt in die Zukunft trägt. Konkret heisst das: Ich wünsche mir für die Zukunft eine Schweiz, in der Familien Zeit haben für einander – dank modernen und flexiblen Arbeitsformen. Ich wünsche mir eine Schweiz, in der alte und Pflege bedürftige Menschen in dem Umfeld ihren Lebensabend verbringen können, in dem sie es wünschen – weil von der Angehörigenpflege bis zum Pflegeheim alles möglich ist. Ich wünsche mir eine Schweiz, in der öffentliche Dienstleistungen nicht nur flächendeckend zur Verfügung stehen, sondern auch mit menschlichen Kontakten verknüpft sind.

Dies zu erreichen, ist nicht nur Sache der Politik. Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen schaffen. Pflegende Angehörige entlasten zum Beispiel. Oder einen Vaterschaftsurlaub einführen. Und den Service public alimentieren. Die Chancen, die sich uns für die Zukunft eröffnen, müssen wir aber als Gesellschaft packen. Es liegt an uns allen, die öffentlichen Dienstleistungen auch in Zukunft zu nutzen – Poststelle Subingen inklusive. Es liegt an uns allen, dass wir uns nicht in die sozialen Medien zurückziehen. Es liegt an uns allen, dass wir Vereine, Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerverbände und Parteien erhalten. Es liegt an uns, dass wir uns in unserem ganz eigenen, persönlichen Wirkungskreis engagieren und uns damit letztendlich selber beschenken.

Damit ist auch klar gesagt, wo die grossen Chancen der Schweiz für die Zukunft liegen. Sie liegen nicht in der vermeintlich grossen Bundespolitik und sie liegen schon gar nicht im Wechselspiel mit den ausländischen Partnern, also dort, wo meine Gilde immer und immer wieder meint, sie könne sich profilieren. Die grossen Chancen der Schweiz liegen in der Gemeinde und in der Nachbarschaft. Dort kann die starke Nation von innen heraus weiter erstarken und eine zukunftsfähige Gemeinschaft bilden. Die Schweiz als Gemeinschaft wird in den Gemeinden gebaut und vom Engagement von uns allen getragen. Das ist eine Binsenweisheit, die ausserdem auch nicht neu ist. Aber sie hat an Aktualität gewonnen und es ist in der „Gesellschaft der Singularitäten“ immer und immer wieder wichtig, sie zu betonen.

Voilà – und so schliesst sich mein Kreis – beginnend bei Pfarrer Louis Ingold, der einst mit brachialer Rhetorik eine Zwangsgemeinschaft schuf, über die Stellung unserer Nation wieder zurück zum Subingen der heutigen Zeit, welches davon lebt, dass ihr alle es gestaltet und belebt. Mit diesem Aufruf, teilzunehmen und zu gestalten schliesse ich meine Ansprache. Aber nicht, ohne noch zu versprechen, dass ich nachher noch in der Kirche ein Kerzlein anzünde und Louis Ingold um Vergeben dafür bitte, dass er heute herhalten musste als Aufhänger für diesen Exkurs. Er hat sich Einiges anhören müssen über sein Wirken und die Entschuldigung wird wohl nötig sein.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen gefreuten 1. August und viel befriedigendes Engagement im 750. Jahr des Bestehens von Subingen und natürlich lange darüber hinaus.

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben

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